ARTIKEL IM WOCHENSPIEGEL

04. Dezember 2020

Tina Henze kann heute ganz offen über ihren Verlust reden. Sie hat die Selbsthilfegruppe „Sternenkinder“ (s. Flyer rechts) gegründet. Die Erinnerungen an ihr erstes Kind haben die Eltern in einem Sternenkinder-Erinnerungsbuch (dabelino) festgehalten, das wie ein Babyalbum auch Ultraschallbilder und Fotos von Amelie enthält.
Foto: Anke Katte

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von Anke Katte

Dessau (ak). Alles war für die Ankunft der kleinen Amelie vorbereitet. Ihre Mutti wäre noch eine Woche arbeiten gegangen, dann hätte der Mutterschaftsurlaub begonnen. „Aber auf einmal war da so ein eigenartiges Gefühl, ich kann es nicht genau beschreiben“, erzählt Tina Henze. Am nächsten Tag beim Arztbesuch ist es traurige Gewissheit; Amelies kleines Herz hat in der 32. Schwangerschaftswoche aufgehört zu schlagen.

Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr wie vorher. Tina und ihr Mann fahren in das Städtische Klinikum Dessau, um ihr totes Kind zur Welt zu bringen.  „Hier haben sich Oberarzt Faßl und sein Team sowie die Klinikseelsorger sehr einfühlsam und liebevoll um uns gekümmert. Wir bekamen ein eigenes Zimmer auf einer anderen Station, um vom normalen Betrieb und dem Glück anderer Eltern nicht so viel mitzukommen. Nach der Entbindung  gab man uns Zeit, um von unserer kleinen Tochter Abschied zu nehmen. Sie sah in ihrem Strampler und mit ihrem Plüschtier so süß und friedlich aus. Wir durften sie kennenlernen und sie für ein paar Momente halten. Auch die Großeltern hatten  Gelegenheit, ihr Enkelkind kennenzulernen...“

Heute kann Tina Henze ganz ruhig und sehr anschaulich über das tragische Ereignis, das die Familie im Januar 2018 völlig unerwartet überrollt hat, erzählen. Das war nicht immer so. Obwohl ihr Mann und ihre Familie stets an ihrer Seite standen, kam sie mit ihrer Trauer und Ratlosigkeit nicht weiter. Sie brauchte psychologische Hilfe.
„Aus meiner eigenen Betroffenheit und anfänglichen Hilflosigkeit ist die Idee entstanden, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Zwar gibt es im Internet jede Menge Informationen zum Thema, aber vor Ort fand man bisher keine konkreten Ansprechpartner.“
Mit der Umsetzung ihrer Pläne hat die junge engagierte Frau noch gewartet, bis sie selbst emotional soweit war. „Auch wenn Amelie seit Sommer 2019 eine gesunde kleine Schwester hat, wird uns der Verlust unseres ersten Kindes immer begleiten.“
Im Juni 2020 war es dann soweit. Im Shia Familienzentrum in der Wörlitzer Straße in Dessau fand das erste Treffen  der Selbsthilfegruppe „Sternenkinder“ statt.

Die Gruppe ist für Betroffene offen, die ein Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verloren haben.  Dabei ist es unerheblich, wie lange der Tod des Sternenkindes zurückliegt.  
Tina Henze weiß, dass die Treffen in der Selbsthilfegruppe den Verlust des Kindes nicht rückgängig machen, aber sie können eine Stütze in dieser schweren Zeit sein. Denn leider werden  Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben, nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen. In den meisten  Fällen haben Familienmitglieder und Freunde das kleine Geschöpf nicht gesehen, also hat es in ihren Augen nicht existiert. Von daher wird die Trauer der Eltern oft nicht verstanden. Bekanntlich heilt die Zeit ja alle Wunden, und nach einer erfolgreichen Folgeschwangerschaft könnte doch  endlich  alles wieder gut sein. Tina Henze: „Das ist es aber auf keinen Fall. Warum sollte ein Kind ein anderes Kind ersetzen?“
Der Tod des eigenen Kindes, egal, ob vor, während und kurz nach der Geburt, löst einen Schock aus. Gleichzeitig tauchen viele Fragen auf.  Wie verabschiedet man sich von seinem Kind? Welche Art der Bestattung ist angemessen? Wie spricht man mit der Angehörigen und Freunden darüber? Welche Erinnerungen bewahrt man auf?
Tina Henze: „Hier möchte ich mit meinen eigenen Erfahrungen gern helfen und bin in Akutfällen auch außerhalb der monatlichen Treffen über Facebook, Mail oder Telefon zu erreichen.“

Neben ihrem kaufmännischen Job absolviert Tina Henze gerade eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Trauerbegleiterin.
 
Hintergrund

Eltern von Sternenkindern können seit dem 15. Mai 2013 die Geburt ihres Kindes beim Standesamt anzeigen und ihrem Kind damit offiziell eine Existenz geben.
Zuvor war eine solche Dokumentation bei Kindern, die mit einem Gewicht unter 500 Gramm tot geboren wurden, nicht möglich. Die Änderung des Personenstandsrechts ermöglicht damit einen würdigen Umgang mit Sternenkindern.

Die Selbsthilfegruppe

Normalerweise trifft sich die Selbsthilfegruppe „Sternenkinder“ Dessau, die ausdrücklich auch für Väter, Großeltern und Geschwister offen ist, jeden vierten Donnerstag im Monat, 18 Uhr, im Shia Familienzentrum in der Wörlitzer Straße. Aufgrund der Corona-Verordnung können persönliche Treffen zurzeit nur per Tel. 034901 341242 oder  Mail sternenkinder.dessau@gmail.com vereinbart werden.
Langfristig  sind auch Aktionen und Treffen zu besonderen Gedenktagen, wie am Tag der Sternenkinder (jährlich am 15. Oktober) und am Worldwide Candle Lighting (jeden zweiten Sonntag im Dezember) geplant.