INTERVIEW SHIA E.V.

Juni 2020

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INTERVIEW

von Alexandra Liss (Shia e.V.) mit der Gründerin Sternenkinder Dessau Tina Henze

Sternenkinder – Mich verbindet dieses Wort mit dem kleinen Prinzen. Ich sehe ihn, wie er da so auf seinem kleinen Planeten steht und in die Weite schaut und höre ich die vermeintliche Stimme seines Erfinders Antoine de Saint-Exupéry. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Tina Henze gründet eine Selbsthilfegruppe “Sternenkinder”.

Sternenkinder sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben.

Während Tina in einem ersten Treffen mit mir ihr Wissen und ihre persönlichen Erfahrungen mit mir teilt, verblasst meine romantische Vorstellung.

Ihre ruhigen und zugewandten Worte beeindrucken mich. Ihre Stimme ergreift mich, als ich Trauer und Wut heraushören darf. Die Situation berührt mich, ich schlucke oft.

Tina gibt mir einen kleinen Einblick in rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Eltern von Sternenkindern bis vor wenigen Jahren für die Bewältigung von Verlust eines geliebten Lebens wenig Raum bis keinen Platz ließ.

Nach diesem Gespräch beschäftige ich mich intensiver mit diesem Thema. Mir wird klar – Sternenkinder in einer Familie bedeuten immer einen tragischen Verlust und eine große emotionale Belastung.

Sternenkinder mit einem Körpergewicht unter 500g wurden bis Mai 2013 nicht als Personen registriert – gesellschaftlich gesehen gibt es diese Kinder nicht!

Schock wechselt sich in mir ab mit Empörung. Nach einer Gesetzesänderung vor sieben Jahren ist es den Eltern gestattet, ihre stillgeborenen Kinder, unabhängig vom Körpergewicht, beurkunden und bestatten lassen.

 

Wie gehen nun betroffene Familien mit diesem Verlust um?

Das Internet bietet Foren für Austausch und Hilfe. Auch finde ich viele Informationen zu Bestattung und Beurkundung, Empfehlungen für einen passenden Abschied.

Wie finden sich Menschen mit diesen folgenschweren Erfahrungen andere Betroffene? Wie setzen sie sich und ihr Umfeld damit auseinander?

Ich vermute, dass das Internet den aktiven Betroffenen – denen, die mit ihren Gefühlen ins Außen gehen können viel Raum bieten kann.

Doch was ist mit denen, die diesen Weg nicht für sich nutzen können? Die vielleicht glauben, sie reagieren über? Die vielleicht unsicher sind und befürchten, andere Menschen könnten hier nicht Anteil nehmen? Die vielleicht in einem System leben, welches Trauer und Gefühle als schwach bezeichnen?

Die vielleicht in früheren Versuchen hörten, sie sollten sich doch nicht so anstellen? Sie sollten das doch endlich mal hinter sich lassen? Sie sollten mal nach vorn sehen, so schlimm ist es doch nicht?

Jetzt suche ich nach Kontaktmöglichkeiten für Betroffene im Rahmen der Selbsthilfe. Die Homepage der Selbsthilfekontaktstellen Sachsen-Anhalts (https://www.selbsthilfekontaktstellen-lsa.de) verweist auf zwei Selbsthilfegruppen, in Salzwedel und Magdeburg. Eine ganze Ecke weg, denke ich.

Ein Telefonat mit der Kontaktstelle Selbsthilfegruppen in Dessau-Roßlau (www.kontaktstelle-selbsthilfe-dessau.de) ergibt, eine Selbsthilfegruppe für Sternenkinder hier oder in der Umgebung, nein, gibt es nicht.  Die Gründung einer solchen Gruppe unterstützt die Kontaktstelle unbedingt, meint Frau Bachmann, Leiterin des Angebotes. Auch berät sie gern Ratsuchende und Betroffene hinsichtlich Selbsthilfe.

Der Name der Selbsthilfegruppe (SHG) „Sternenkinder“ beschreibt für mich mittlerweile die Gemeinsamkeit der Betroffenen.

Bevor ich weiter das Internet befrage – ich befürchte frustrierende Momente – wende ich mich erneut an Tina und schreibe ihr einfach meine Fragen auf, zu diesem Thema, an Tina als Betroffene und als Gründerin der Selbsthilfegruppe – denn dass wir diese Selbsthilfegruppe im SHIA Familienzentrum Dessau unterstützen steht fest.

Hier findet Ihr nun meine Fragen und Tinas Antworten.

Tina, bitte beschreibe mir doch etwas tiefer gehend, an wen sich deine Selbsthilfegruppe wendet?

Meine SHG soll sich in erster Linie an Sterneneltern wenden, und auch hier ganz bewusst an Mütter UND Väter. Aber auch der erweiterte Kreis von Betroffenen (Großeltern,

Geschwister) ist herzlich eingeladen. Es spielt dabei keine Rolle wie viele Jahre der Verlust des Kindes zurückliegt, denn die Zeit heilt nicht alle Wunden und Trauer verschwindet nicht, sie wird nur im Laufe der Zeit anders und wandelt sich.


Welche Voraussetzungen gibt es, um in diese SHG zu kommen?

Es gibt keine Voraussetzungen für die Teilnahme an der SHG außer die Selbstbetroffenheit. Es ist unwichtig wie viele Jahre der Tod des Sternenkindes zurückliegt.

Die SHG ist für jeden Betroffenen offen der sein Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verloren hat. Dabei ist es unerheblich was der Grund für den Tod des Kindes ist. Dies reicht von plötzlichem Kindstod (im Mutterleib), einer Erkrankung des Kindes bereits in der Schwangerschaft (Trisomien u.ä.) oder einer Erkrankung die nach der Geburt auftritt, sowie einem aufgetretenen Unglücksfall.

Welches Anliegen hat diese SHG? Was kann sich für Teilnehmer*innen in der SHG verändern?

Mein Anliegen ist es einen geschützten Raum für die Trauer um das Sternenkind, das verstorbene Kind, anzubieten.

Kinder die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben werden oft nicht als Teil unserer Gesellschaft, unseres Lebens gesehen und daher wird die Trauer der Eltern oft nicht oder nicht sehr lange verstanden.

Für die meisten Menschen in dem Umfeld der Sterneneltern hat das Kind nicht existiert, zumindest wenn es vor oder während der Geburt gestorben ist. Sie haben es in den meisten Fällen nicht gesehen und daher ist es in ihren Augen nicht auf dieser Welt gewesen. Ein absoluter Irrtum! Dies liegt aber meist begründet im Umgang mit Sternenkindern noch vor einigen Jahren (und Jahrzehnten) und vor allem mit dem Tod von Kindern.

Oftmals ist die Erwartung, dass nach einigen Monaten oder bei einer Folgeschwangerschaft doch jetzt „alles wieder gut sein muss“. Das ist es aber absolut nicht! Warum sollte ein Kind ein anderes Kind ersetzen? Dies gilt auch für Geschwisterkinder!

Es ist schwierig zu sagen, was sich durch die Teilnahme an einer SHG verändern kann. Es kann den Tod des Kindes nicht rückgängig machen, aber die Treffen in der SHG können eine Stütze in dieser schweren Zeit sein.

Wie kann ich mir die Arbeit oder die Treffen in der SHG vorstellen? Was erwartet mich als Teilnehmer*in? Muss ich mich einbringen? Wie kann ich mich einbringen? Welche Rollen kann ich übernehmen?

Am Anfang eines jeden Treffens gibt es sogenannte „Blitzlichter“, dabei kann jeder Teilnehmer ansprechen was ihn aktuell beschäftigt oder auf der Seele liegt. Wenn jemand, gerade bei der ersten Teilnahme, nicht sprechen möchte ist das absolut in Ordnung.

Jeder kann für sich entscheiden, wie viel er erzählen und was er erzählen möchte. Natürlich lebt eine SHG vom Austausch, aber auch davon, dass sich jeder gut aufgehoben und akzeptiert fühlt.

Es ist mir sehr wichtig, dass unabhängig von unseren monatlichen Treffen der Kontakt (Facebook, Mail, Telefon) in Akutfällen genutzt wird. Der Tod des eigenen Kindes (vor, während oder kurz nach der Geburt) löst eine Schocksituation aus, in der oftmals wichtige Fragen auftauchen, bei denen ich gerne helfen möchte, um ein kleiner Wegweiser in diesem Moment zu sein.

Im weiteren Verlauf sind gemeinsame Aktionen und Treffen außerhalb der üblichen monatlichen Termine geplant. Beispielsweise gemeinsame Gedenktage am Tag der Sternenkinder (15. Oktober eines jeden Jahres) und am Worldwide Candle Lighting (jeden zweiten Sonntag im Dezember).

Es wäre mein Wunsch, wenn aus der Dynamik der SHG dann weitere Treffen und Aktionen entstehen könnten, wo sich, wenn gewünscht, alle einbringen können um an unsere Kinder zu erinnern.

Aus welchem Grund ist dir die Selbsthilfe gerade an dieser Stelle so wichtig?

Die Idee einer SHG ist aus meiner eigenen Betroffenheit entstanden. Nach dem Tod unserer Tochter in der 32. SSW im Januar 2018 fühlte ich mich alleine mit der Situation. Zwar war meine Familie immer an meiner Seite, aber sie sind ja selbst betroffen und irgendwann ist man an einem Punkt an dem man nicht mehr weiterkommt und die Gespräche sich im Kreis drehen.

Es gibt mittlerweile Organisationen und Initiativen die sich zur Aufgabe gemacht haben Familien zu helfen, jedoch gab es keine direkte Hilfe hier vor Ort, auch kein direkter Draht zu Betroffenen der für mich sehr wichtig gewesen wäre.

Es ist mein Wunsch, dass unsere Gruppe eine feste Anlaufstelle für Sterneneltern und andere Betroffene wird und sich keiner mehr alleine fühlen muss mit seiner Trauer.

Vielen Dank Tina Henze!

Und plötzlich stehe ich gemeinsam mit dem kleinen Prinzen auf seinem Planeten, schaue mit ihm in die Ferne und höre seine leisen und bestimmten Worte: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Alexandra Liss