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  • Tina Sternenkinder Dessau

Sternenkind Amelie


Unsere Amelie war ein absolutes Wunschkind und die Schwangerschaft verlief bis auf ein paar Startschwierigkeiten ohne Probleme.

Man könnte sagen ich hatte eine 1A-Bilderbuch-Schwangerschaft.

Rückblickend veränderte es sich im Dezember 2017, ich war gerade im 7. Monat schwanger und hatte keinerlei Beschwerden. Kurz vor Weihnachten war ein Kontrolltermin bei meiner damaligen Frauenärztin und die Tage zuvor hatte ich mir viele Gedanken gemacht. Was passiert wenn sie zu früh kommt? Es gab keinerlei Anzeichen oder Gründe mir darüber Sorgen zu machen, aber die Gedanken haben mich nicht losgelassen.

Meine Frauenärztin fragte mich am Ende des Termins ob ich noch Fragen hätte und ich fing bitterlich an zu weinen. Ich fragte sie unter Tränen ob ich verhindern kann, dass unsere Tochter zu früh auf die Welt kommt. Sie antwortete mir wenig überraschend, dass es keinen Grund dafür gebe und ich mir keine Sorgen machen sollte.

So gingen wir positiv gestimmt in die Weihnachtsfeiertage, aber am zweiten Weihnachtsfeiertag war es abends zu Amelie's üblicher Turneinheit sehr ruhig in meinem Bauch, auch sanftes Anstupsen und die Spieluhr brachten mir keine Beruhigung. Ich nahm Kontakt zu meiner Hebamme auf und um sicher zu gehen bat sie mich ins Krankenhaus zu fahren. Dies taten wir auch und wurden von einer freundlichen Hebamme und diensthabenden Ärztin in Empfang genommen. Beim Anschließen an das CTG wurde Amelie wach und turnte die ganze Zeit, auch ein Ultraschall war völlig unauffällig. Guter Dinge fuhren wir wieder nach Hause und auch der Jahreswechsel verlief mit Bauch sehr ruhig.

Mit Beginn des Jahres 2018 war ich dann im 8. Monat mit unserer Amelie schwanger. Ich hatte noch einen Termin bei einem Spezialisten, aber auch dieser verlief ohne Auffälligkeiten, der Arzt war vollständig zufrieden.

Am 20. Januar 2018 hatten wir den ersten gemeinsamen Termin bei dem Geburtsvorbereitungskurs und neben Geburtspositionen und wie uns unsere Männer unterstützen können, stand auch eine Kreißsaaltour auf dem Plan.

Der zweite Termin war der 22. Januar2018 und rückblickend muss ich sagen, schon bei diesem Termin fühlte ich mich seltsam. Aber ich kann auch nicht in Worte fassen was genau in mir vorging, oder ob ich mir bestimmte Dinge auch "einbilde". Allerdings war ich mit Fortschreiten der Schwangerschaft auch müde und ich freute mich nur noch knapp 2 Wochen arbeiten zu müssen um dann in den Mutterschutz, vor der Geburt, zu gehen.

Am Dienstag, den 23. Januar 2018, ging ich früh normal zur Arbeit, sagte aber zu meinem Kollegen, dass ich mich komisch fühle und irgendwie nicht fit. Er legte mir nahe am nächsten Tag zum Arzt zu gehen um den Rest der Schwangerschaft in Ruhe angehen zu lassen.

Am Abend war ich alleine Zuhause weil mein Mann Spätschicht hatte, ich telefonierte mit ihm und auch er riet mir am nächsten Tag zum Arzt zu gehen um zu schauen ob ich nicht besser ab sofort Zuhause bleiben sollte.

Als ich im Bett lag hatte Amelie eindeutig Schluckauf und ich freute mich. Heute weiß ich nicht wirklich ob sie Schluckauf hatte oder, und auch wenn ich es gar nicht aufschreiben möchte, es ihre letzten Lebensminuten in meinem Bauch waren.

Am nächsten Tag bin ich auf direkten Wege zu meiner damaligen Frauenärztin, ich stellte mich der Sprechstundenhilfe vor und wurde vertröstet; es waren noch Frauen zum CTG und Sprechstunde eingeplant und ich müsste warten. Dies tat ich und wusste nicht welche dunkle Zeit mir ab diesem Moment bevorstehen würde.

Ich wurde zum CTG gerufen und die Schwester legte mich an das Gerät und fand - nichts. Aber ich wusste nicht, dass sie nichts fand. Ich war zum ersten Mal schwanger und hatte vorher zweimal ein CTG, ich hatte einfach keine Ahnung. Sie lief aus dem Zimmer und ließ mich mit dem CTG-Kopf zurück, auch da hatte ich noch keine Ahnung. Ich wurde zur Ärztin gerufen und sollte mich zum Ultraschall auf die Liege legen. Die Ärztin fing an und sagte nichts... sie sagte einfach nichts - weil sie nichts mehr fand.

Was sie genau sagte weiß ich nicht mehr, daran fehlt mir jegliche Erinnerung. Ich weiß noch, dass ich geschrien habe, sehr lang und sehr laut. Ab diesem Punkt war ich wie betäubt. Ich rief meinen Mann an, ganz ruhig, und bat ihn zum Arzt zu kommen. Ich rief meine Mama an, ganz ruhig, und bat sie von der Arbeit wieder nach Hause zukommen. Ich weiß noch, sie fragte mich ob etwas nicht stimmt und ich verneinte, sie soll einfach kommen und ich werde ihr dann alles erzählen. In diesem Moment habe ich nur noch funktioniert, ich stand unter Schock und nahm die Welt nur noch in grauen Farben wahr. Es war wirklich keine Farbe mehr vorhanden und es war furchtbar kalt. Jede Wärme war mit Amelie verschwunden.

Einige Minuten später musste ich meinem Mann alleine sagen, dass unser Kind gestorben war, in meinem Bauch. Es tat mir so furchtbar leid und ich wollte nur noch weg, weg aus dieser Situation, aber es war nicht möglich.

Wir fuhren dann recht schnell in das Krankenhaus, mein Mann hatte die Hoffnung es ist alles nur ein Irrtum und alles ist gut. Aber es war nichts mehr gut, unser Leben war in tausend Teile zerbrochen. In dem Krankenhaus am Kreißsaal angekommen konnte ich der Hebamme nur die Überweisung in die Hand drücken und fragte ob wir hier richtig sind. Sie schaute auf den Zettel, verstand und handelte sofort. Der Oberarzt war einige Minuten später im Zimmer und auch meine Mama war eingetroffen. Er fing sofort an zu schallen und er brauchte nichts sagen, ich wusste unsere Amelie lebt nicht mehr. Er sprach uns sein Beileid aus und erläuterte und kurz und sehr menschlich welche Möglichkeiten wir nun hatten. In Absprache wurde mir noch Blut abgenommen um ein Risiko auszuschließen und wir durften nach Hause fahren. Wann wir wieder zurückkehren war uns überlassen, außer meine Werte machten ein Handeln notwendig.

Im Laufe des 24. Januar 2018 wurde die Geburt mittels Medikament eingeleitet, so war die gemeinsame Entscheidung und ich fühlte mich gut aufgehoben. Für meinen Mann und mich wurde ein Zimmer vorbereitet, im Kreißsaalbereich ohne Kontakt zu Schwangeren und Neugeborenen. Hier waren wir in unserer Blase und warteten auf die Geburt unserer Tochter zwei Monate zu früh, also kam sie doch zu früh - welch ein Hohn. In der ersten Nacht war kaum an Schlaf zu denken, zwar schlief ich gegen Mitternacht ein, jedoch nur um dann kurz nach 2 Uhr weinend und schreiend wach zu werden. Die Hebamme, meine Hebamme, kam sofort in unser Zimmer und nahm mich in den Arm - wortlos - sie war einfach da und hat mich gehalten. Ich hatte so großes Glück meine gewählte Hebamme war ebenfalls angestellte Hebamme im Krankenhaus und hatte die kommenden zwei Nächte Nachtdienst.

Der 25. Januar 2018 verlief bis zum frühen Abend ohne Veränderungen. Ab 18 Uhr begannen leichte Wehen, die bald intensiver wurden, aber nicht wie ich sie erwartet hatte. Mein Körper und meine Seele standen unter Schock und ich habe es einfach nicht mehr wahrgenommen.

In der Nacht zum 26. Januar 2018 lief ich durch den Krankenhausgang und streichelte meinen Bauch, ich sagte zu unserer Amelie, dass es nun okay ist und sie sich auf den Weg machen kann, ich werde sie gehen lassen. Die Wehen nahmen zu und wurden intensiver. Als meine Hebamme um 2 Uhr wieder nach uns schaute teilte ich ihr die Wehen im Abstand von knapp 3 Minuten mit. Nach einer kurzen Untersuchung sind wir um 3 Uhr in der Nacht in den Kreißsaal umgezogen. Die Wehen wurden schnell intensiver und ich hatte das große Glück eine 1:1-Betreuung durch meine Hebamme zu haben, auch mein Mann war natürlich die ganze Zeit an meiner Seite.

Nach einer Stunde im Kreißsaal wurde unsere Tochter Amelie am 26. Januar 2018 um 4:12 Uhr mit einem Gewicht von 1590gr und 45cm geboren.

Die Tage nach ihrer Geburt haben wir wie in Trance verbracht, noch heute weiß ich nicht wie wir sie überstanden haben. Allerdings waren die Nächte, wenn die Dunkelheit kam, für mich am schlimmsten und einige Tage oder Wochen, auch das weiß ich nicht mehr, habe ich nachts mit Licht geschlafen und jedes Aufwachen in der Realität war eine Qual.

Nach der Geburt unserer Amelie haben wir einiges untersuchen lassen und auch mein neuer Frauenarzt hat mich komplett untersucht um einen Grund für ihren Tod zu finden. Aber es war nichts zu finden. Auch der Spezialist bei dem wir das Screening haben machen lassen hat noch einmal mit uns telefoniert und auch nach intensiven Suchen in den Unterlagen und Aufzeichnungen konnte er nichts finden.

Noch heute ist es für mich schwierig zu akzeptieren, dass Amelie nicht leben durfte. Ein kleiner Mensch der auf dem Weg zu uns war und uns zum ersten Mal zu Eltern gemacht hat.



- Das ist die Geschichte von Amelie, unserem Sternenkind, gestorben in der 32. Schwangerschaftswoche am plötzlichen Kindstod im Mutterleib -



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